Das System der Meridiane

Erstmals beschrieben wurde das System der Meridiane oder Leitbahnen (Jing Luo) und seine auf ihm liegenden Akupunkturpunkte (Tsubos) schon vor etwa 2.000 Jahren im Huang Di Nei Jing, dem Buch des Gelben Kaisers. Vergleichbar mit den Straßen eines Landes überzieht nach traditioneller chinesischer Vorstellung ein Geflecht von Energiebahnen den Körper. Das in diesen Kanälen fließende Qi – meist übersetzt mit strömender Lebensenergie – reguliert sämtliche körperlichen, psychischen und geistigen Funktionen. Über die gezielte Behandlung der Akupunkturpunkte (spezielle Stellen, die vor allem auf den Meridianen lokalisiert sind) lassen sich so die Meridiane, die mit ihnen in enger Wechselwirkung stehenden Organe und die vielfältigen Funktionen des Organismus beeinflussen.

Hauptmeridiane

Fast alle Akupunkturpunkte liegen auf den zwölf Hauptmeridianen (Jing, Reguläre Meridiane), die innere Meridianäste mit den zugehörigen Yin- und Yang-Organen verbinden. Die Hauptmeridiane verlaufen paarig, also sowohl auf der linken wie auch auf der rechten Körperseite. Lediglich der Dickdarm-Meridian bildet eine Ausnahme und wechselt im Gesichtsbereich die Körperseite.

Lungen Meridian (Lu)  Shou Tai Yin Fei Jing
Dickdarm Meridian (Di) Shou Yang Ming Da Chang Jing
Magen Meridian (Ma) Zu Yang Ming Wei Jing
Milz Pankreas Meridian (MP) Zu Tai Yin Pi Jing
Herz Meridian (He) Shou Shao Yin Xin Jing
Dünndarm Meridian (Dü) Shou Tai Yang Xiao Chang Jing
Blasen Meridian (Bl) Zu Tai Yang Pang Guang Jing
Nieren Meridian (Ni) Zu Shao Yin Shen Jing
Pericard Meridian (Pc)* Shou Jue Yin Xin Bao Jing
Drei-Erwärmer Meridian (3E) Shou Shao Yang San Jiao Jing
Gallenblasen Meridian (Gb)  Zu Shao Yang Dan Jing
Leber Meridian (Le) Zu Jue Yin Gan Jing

*Der Pericard-Meridian wird vielfach als Herz-Kreislauf (KS) bezeichnet.

Generell verlaufen die Yin-Meridiane innen (palmar, medial) und die Yang-Meridiane außen (dorsal, lateral). Die Yin-Meridiane Lunge, Herz und Pericard ziehen vom Brustbereich über die Innenseite des Arms zur Hand, die Yang-Meridiane Dickdarm, Dünndarm und Drei-Erwärmer von der Hand über die Außenseite des Arms zum Kopf. Vom Kopf ziehen die Yang-Meridiane Magen, Blase und Gallenblase nach unten zum Fuß (der Magen-Meridian ventral, der Blasen-Meridian dorsal und der Gallenblasen-Meridian lateral), und die Yin-Meridane Milz-Pankreas, Niere und Leber schließen den Kreislauf, indem sie über die Innenseite des Beins hinauf zur Brust verlaufen.

Meridianpaare

Jeweils ein Yin- und ein Yang-Meridian bilden zusammen ein innerlich (über die Organe) und äußerlich (über die Meridianstruktur, insbesondere über die transversalen Luo-Verbindungen) gekoppeltes Meridianpaar. Jedes dieser Paare ist einer der Fünf Wandlungsphasen zugehörig.

Wandlungsphase (Element)

Yin
 
Yang
 
Metall Lunge (Lu) Dickdarm (Di)
Erde Milz- Pankreas (MP) Magen (Ma)
Feuer Herz (He) Dünndarm (Dü)
Wasser Niere (Ni) Blase (Bl)
Feuer Pericard (Pc) Drei-Erwärmer (3E)
Holz Leber (Le) Gallenblase (Gb)

Meridianachsen

Immer zwei im Kreislauf der Meridiane aufeinander folgende Yin- oder Yang-Meridiane bilden gemeinsam eine (Yin- oder Yang-) Meridianachse. Die Yang-Meridianachsen ziehen vom Arm über den Kopf und den Rumpf zu den Beinen, von oben nach unten, während die Yin-Meridianachsen von unten nach oben, von den Füßen über den Rumpf zu den Armen ziehen. Meridianachsen haben diagnostische und therapeutische Bedeutung. Oft auch verwendet die chinesische Akupunkturliteratur die Meridianachse zur Meridianbezeichnung, z.B. Hand-Yang-Ming für den Dickdarm- und Fuß-Yang-Ming für den Magen-Meridian.

Tai Yang Höchstes Yang Dünndarm- und Blasen- Meridian
Yang Ming Leuchtendes Yang Dickdarm- und Magen- Meridian
Shao Yang Kleineres Yang Drei Erwärmer- und Gallenblasen- Meridian
Tai Yin Höchstes Yin Milz-Pankreas- und Lungen- Meridian
Shao Yin Kleineres Yin Nieren- und Herz- Meridian
Jue Yin Absolutes Yin Leber- und Pericard-Meridian

Meridianumläufe

Zwei im Kreislauf der Meridiane aufeinander folgende Meridianpaare – eines im Armbereich, das andere im Beinbereich – bilden einen Meridianumlauf als weiteren, umfassenderen Zusammenhang.

Der erste Meridianumlauf wird vom Lungen-, Dickdarm-, Magen- und Milz-Pankreas-Meridian gebildet.
Der zweite Meridianumlauf wird vom Herz-, Dünndarm-, Blasen- und Nieren-Meridian gebildet.
Der dritte Meridianumlauf wird vom Pericard-, Drei-Erwärmer-, Gallenblasen- und Leber-Meridian gebildet.

Die Energie (eigentlich "Qi Xue", wörtlich „Energie und Blut“) zirkuliert wie eine Welle durch das Meridiansystem. Jeder Meridian (und damit auch das zugehörige Organsystem) zeigt deshalb im Laufe eines Tages einen maximalen wie auch einen minimalen Ladungszustand, was als Kreislauf der Meridiane oder „Organuhr" beschrieben wird. So zeigt jeder Meridian für zwei Stunden einen maximalen Füllezustand des Qi („Maximalzeit“) – und genau zwölf Stunden später ist seine Energie am schwächsten („Minimalzeit“).

Organ
 
Maximalzeit
 
Minimalzeit
 
Lunge (Lu) 03-05 15-17
Dickdarm (Di) 05-07 17-19
Magen (Ma) 07-09 19-21
Milz-Pankreas (MP) 09-11 21-23
Herz (He) 11-13 23-01
Dünndarm (Dü) 13-15 01-03
Blase (Bl) 15-17 03-05
Niere (Ni) 17-19 05-07
Pericard (Pc) 19-21 07-09
Drei-Erwärmer (3E) 21-23 09-11
Gallenblase (Gb) 23-01 11-13
Leber (Le) 01-03 13-15

Diese zeitlichen Zusammenhänge werden in der traditionellen östlichen Medizin auch als diagnostisches Mittel eingesetzt: Im Falle eines Fülle-Zustandes verstärken sich die Beschwerden in der Maximalzeit. Im Falle eines Leere-Zustandes hingegen verstärken sich die Beschwerden in der Minimalzeit. Leere-Beschwerden bessern sich in der Maximalzeit und Fülle-Beschwerden in der Minimalzeit.

Außerordentliche Meridiane

Neben den 12 Hauptmeridianen kennt die Traditionelle Chinesische Medizin acht Außerordentliche Meridiane (Qi Jing Ba Mai, Wundermeridiane), von denen nur der Gouverneur (Du Mai) und das Konzeptionsgefäß (Ren Mai) eigene Punkte haben. Diese beiden Außerordentlichen Meridiane, die entlang der vorderen und hinteren Mittellinie des Körpers verlaufen, bilden zusammen mit den zwölf Hauptmeridianen das System der 14 Meridiane (Shi Si Jing, Vierzehn Reguläre Meridiane).

Während der Gouverneur und das Konzeptionsgefäß also eigene Punkte besitzen, bilden die weiteren sechs Außerordentlichen Gefäße Verbindungen zu den zwölf Hauptmeridianen und „benutzen“ deren Punkte. Nach traditioneller Vorstellung transportieren und verteilen die Außerordentlichen Meridiane die Ererbte Energie (Yuan Qi) im Körper.

Du Mai Gouverneur, Lenkergefäß
Ren Mai Konzeptionsgefäß
Chong Mai Vitalitätsgefäß
Dai Mai Gürtelgefäß
Yang Qiao Mai Yang- Motilitätsgefäß
Yin Qiao Mai Yin- Motilitätsgefäß
Yang Wei Mai Yang Regulationsgefäß
Yin Wei Mai Yin Regulationsgefäß

Die primären Außerordentlichen Meridiane Du Mai, Ren Mai, Chong Mai und Dai Mai haben ihren Ursprung im Beckenraum und stehen in enger Beziehung zum Funktionskreis der Niere. Die sekundären Außerordentlichen Meridiane Yang Qiao Mai, Yin Qiao Mai, Yang Wei Mai und Yin Wei Mai hingegen verlaufen vom Bein zum Kopf und haben eine enge Beziehung zum Blasen-Meridian.

Der energetische Aufbau des Körpers

Die oberste energetische Schicht des Körpers bilden die Tendinomuskulären Meridiane (Jin Jing, Muskelmeridiane), in denen das Abwehr-Qi (Wei Qi) fließt. Hier findet die erste Auseinandersetzung statt zwischen der Schutzenergie des Körpers und dem pathogenen Einfluss (Xie Qi), der in die energetische Struktur des Organismus eindringen will.

Alle Tendinomuskulären Meridiane entfalten sich von den Extremitäten zum Kopf hin und haben - unabhängig von der Hauptmeridianflussrichtung - eine aufsteigende Energieflussrichtung. Energetisch angekoppelt an die Hauptmeridiane sind sie über die Jing-Punkte, die End- oder Anfangspunkte der Meridiane im Bereich der Nagelfalzwinkel der Finger und Zehen (die einzige Ausnahme bildet hier Ni1, der auf der Fußsohle liegt). Von dort ziehen sie über die Extremitäten in den Bauch-, Brust- und/oder Kopfbereich. An die Hauptmeridiane angeschlossen sind sie vor allem im Bereich der großen Gelenke.

An die Tendinomuskulären Meridiane schließen sich an der Oberfläche des Körpers die Sun Luo an, kleine Strukturen, die man mit Kapillargefäßen vergleichen kann. Nach innen bilden die Hauptmeridiane (Jing, Reguläre Meridiane), in denen Ying Qi (Aufbauendes Qi) und Xue (Blut) zirkulieren, die nächste energetische Schicht.

Die Transversalen Luo-Gefäße (Luo Mai, Durchgangsgefäße) entspringen im Luo-Punkt (Durchgangspunkt) eines Meridians und verbinden zwei „innerlich und äußerlich gekoppelte Meridiane“ (Meridianpaare). Vom Luo-Punkt eines Meridians fließt die Energie zum Yuan-Punkt (Quellpunkt) des gekoppelten Meridians, womit die Transversalen Luo-Gefäße dem energetischen Ausgleich zwischen diesen beiden Passagen dienen.

Im Luo-Punkt  des Hauptmeridians entspringen auch die Longitudinalen Luo-Gefäße (Verbindungsmeridiane, Verbindungsgefäße), in denen Wei Qi fließt. Die Flussrichtung aller Longitudinalen Luo-Gefäße ist von den Extremitäten zum Kopf. Ihre Hauptfunktion liegt darin, einen bis in diese Tiefe eingedrungenen pathogenen Einfluss aufzunehmen und so den Organismus zu schützen („zweite Schutzebene“).

In den He-Punkten entspringen die Sondergefäße (Bie Jing, Divergierende Meridiane), in denen Wei Qi fließt und deren Flussrichtung ebenfalls von den Extremitäten zum Kopf hin ist. Die Sondergefäße fließen tief ins Körperinnere und stellen Verbindungen zwischen dem oberflächlichen Meridianverlauf und den Organen her. Das Sondergefäß des Yin-Meridians verbindet sich mit dem des Yang-Meridians und letztlich - vermittelt über die Sondergefäße der Yang-Organe - münden alle Sondermeridiane im Punkt GV20. Aufgabe dieser Gefäße ist die Aufnahme eines bis hier eingedrungenen pathogenen Einflusses („dritte Schutzebene“).

Akupunkturpunkte, Extrapunkte, Neupunkte und Ashi-Punkte

Akupunkturstellen (Tsubos) sind topographisch festgesetzte Stellen auf der Körperoberfläche, wobei der chinesische Name "“Xue Wei“ wörtlich Eingangsstelle zu einem unterirdischen Gang oder zu einer unterirdischen Verbindung bedeutet. Akupunkturpunkte haben durch das Meridiansystem mit bestimmten inneren Organen eine enge Beziehung im Sinne einer wechselseitigen Beeinflussung. Das bedeutet, dass sich Disharmonien innerer Organe an bestimmten Orten der Körperoberfläche - z.B. als Druckschmerz oder Hautveränderungen – manifestieren. In umgekehrter Weise wird die Reizung eines Akupunkturpunktes zu den entsprechenden Organsystemen weitergeleitet und die Erkrankung damit beeinflusst.

Neben den 361 klassischen Akupunkturpunkten, die auf den 14 Meridianen liegen, gibt es Extrapunkte (Punkte außerhalb der Meridiane), die – so wird angenommen – erst nach Abschluss der Systematisierung des Meridiansystems entdeckt wurden oder in kein Passagegeflecht eingereiht werden konnten. Die Mehrzahl der Extrapunkte liegt außerhalb der Meridianverläufe.

Als Ashi-Akupunkturstellen (A Shi Xue) bezeichnet man Schmerzstellen („loci dolendi“), die sich sowohl innerhalb wie auch außerhalb des Meridiansystems befinden können und in der Behandlung sowohl allein als auch in Kombination mit regulären Akupunkturpunkten verwendet werden. Der Name „A Shi“ beruht auf der Reaktion des Behandelten („Ah, ja“), wenn der Arzt auf eine schmerzende Stelle drückt.

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